die Langsamkeit des Sehens

Björn Drenkwitz und Jonas Weichsel

Was verbindet zwei so unterschiedliche Künstler wie Björn Drenkwitz und Jonas Weichsel? Der Eine produziert Videos und setzt Menschen oder auch Tiere in Szene, derAndere malt abstrakte Bilder. Es sei gleich vorweggenommen: es ist die Art, wie beide den Betrachter zur Langsamkeit des Sehens auffordern.
Drenkwitz zeigt Figuren, die sich kaum bewegen: In der Videoarbeit ´Federleicht´ sehen wir einen Torso – oder besser gesagt, das Fragment eines Torsos. Es handelt sich um einen stehenden Mann, der mit ausgestreckter Hand eine Feder hält. Sein weiß strahlender Körper vermittelt in seiner formalen Strenge und seinem kühlen Antlitz den Eindruck griechischen Skulpturen junger Epheben. Er steht auch unbewegt da, wie eine Skulptur. Nur dem aufmerksamen Betrachter vermitteln sich die subtilen Veränderungen in seiner Haltung – dessen schwankende Armbewegungen und zunehmend schnellere und tiefere Atmung, das An- und Abschwellen der Muskulatur. Die Sequenz endet, wenn der Schauspieler vor Erschöpfung den Arm fallen lässt.
Während der Titel ´Federleicht´ auf die scheinbar leichte Aufgabe, eine Feder zu halten, verweist, so verbindet man mit ´Jeanne d’Arc´ sofort die Feuerqual der als Ketzerin denunzierten Jeanne d’Arc auf dem Scheiterhaufen in Rouen. Dies wird dadurch unterstützt, dass das Modell an ein malerisches Vorbild von Jean-Auguste-Dominique Ingres angelehnt und in Rottönen gehalten ist. Auch hier wird die Anstrengung nur durch minimale Gesichtsmuskelbewegungen, Schweißperlen und die zunehmende
Atemnot suggeriert. Dabei wird der Betrachter selbst in Atem gehalten.
Es ist kein Zufall, dass sich die für diese Ausstellung ausgewählten Arbeiten auf berühmte Bildwerke der Kunstgeschichte beziehen. Damit wird eine Brücke zu den Bildern von Jonas Weichsel hergestellt.
In den abstrakten Bildern von Jonas Weichsel geht es um Fragen der Malerei. Die Leinwand ist der Raum, in dem sich alles abspielt. In einem unbetitelten Kleinformat ist eine diagonal positionierte, gelbe Raute auf grüngrauem Grund zu sehen. Erst bei näherer Betrachtung stellt man fest, dass die Pinselführung rund um die Raute selbst die diagonale Anordnung übernimmt, sodass eine Raumvorstellung möglich wird. Doch was in der unteren, linken Bildhälfte Tiefe suggerieren könnte, wird im oberen rechten Bildteil wieder aufgelöst - das Element wird zwischen der nur durch die Pinselführung hervorgerufenen Aufteilung im fiktiven Bildraum verkeilt.
Wie wesentlich die Pinselführung in Weichsels Arbeiten ist, zeigt auch das Bild ´Lexington´, wo in einer violetten Rahmung verschiedene Schattierungen von fast schwarz, über blau bis fast weiß reichen. Dies erzeugt nicht nur räumliche Verschiebungen innerhalb der Rahmenteile, sondern spricht für die Bedeutung der ineinander fließenden Farben. Hier, wie in den Videos von Drenkwitz, wird besonders evident, dass nur ein ´Schritt für Schritt Sehen´ die volle Dimension der Darstellung vermitteln kann.
Das großformatige Bild ´Sammlung´ , eines der wenigen Werke, die einen Bildtitel tragen, ist zweiteilig. Das Motiv jedoch, welches an die Struktur von Millimeterpapier erinnert, ignoriert dies und zieht sich über die gesamte Bildfläche. Das Feld, welches in seiner optischen Mischung einen flirrenden Grauwert erzeugt, stellt eine fast schon physische Herausforderung für den Sehenden dar. Es ist mit einer unterschiedlich starken Bildleiste, die oben und rechts weiß, unten schwarz und hellblau ist, eingefasst.
Es handelt sich hier jedoch weniger um eine Rahmung, vielmehr sind es Maßeinheiten, die Relationen herstellen. Dies wiederum suggeriert, dass das Bild beliebig ´ergänzt´ werden könnte. Gerade das Unbestimmte, Offene ist eine Konstante der Bilder von Weichsel, die mehr zu sehen geben wollen als ein Motiv.
Danièle Perrier


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