Das Projekt

Kristofer Paetau

Bad Ems, den 07.10.2010
Gedanken zu meinem Projekt: Ein lebendiger Gartenzwerg in Bad Ems
Den vom Förderverein Balmoral 03 e.V. verliehenen Kunstpreis zum Thema „Provokation aus der Provinz“ erhalte ich für mein Projekt Ein lebendiger Gartenzwerg in Bad Ems. Die im Wettbewerb eingeladenen Künstler waren in Idee und Wahl der Mittel vollkommen frei, sofern sie in irgendeiner Form auf den öffentlichen Raum Bezug nehmen. Wichtig war eine kritische Auseinandersetzung mit der gesellschaftlichen Relevanz provinzieller Strukturen. Ich wurde vom Künstler Diego Castro eingeladen, ein Projekt einzureichen. Die Jury – zusammengesetzt aus Prof. Dr. Hilmar Hoffmann, Frankfurt, Intendant Dr. Robert Fleck, Bundeskunsthalle Bonn, Prof. Eberhard Bosslet, Hochschule für Bildende Künste, Dresden, Dr. Danièle Perrier, Leiterin des Künstlerhauses Schloß Balmoral und für den Förderverein Elisabeth Sauer-Kirchlinne, Koblenz, sowie dem Vorsitzenden Wilhelm Zimmermann, Frankfurt – hat mich als Kunstpreisträger gewählt.
Das Projekt Ein lebendiger Gartenzwerg in Bad Ems, besteht aus drei Teilen und wird von mir in Zusammenarbeit mit meinem Künstlerkollegen und Freund Ondrej Brody (Bildender Künstler, tschechischer Staatsbürger, Jahrgang 1980) realisiert:
1.) Fünf Tage lang (11.10 - 15.10 2010) wird ein kleinwüchsiger Mann als Gartenzwerg verkleidet mich und Ondrej Brody in Bad Ems begleiten. Wir werden im öffentlichen Raum und auf Bestellung in privaten Gärten von Bad Ems und Umgebung auftreten. Der kleinwüchsige Mann ist der tschechische Schauspieler Josef Zeman (1959), der auch als Fotomodell in Prag arbeitet. Ondrej Brody hat ihn über eine Casting-Agentur für Film und Fernsehen ausfindig gemacht und für die künstlerische Aktion gewonnen. Die Künstler werden die Begegnung mit den Bewohnern filmen und fotografieren.
2.) Am Wochenende vom 16./17.10 2010 wird im Schloß Balmoral ein Zeichnungs- und Malerei-Event stattfinden. Alle Künstler der Region, Kunstinteressierte und Hobbymaler sind eingeladen, den lebendigen Gartenzwerg, der Modell stehen wird, zu zeichnen und zu malen.
3.) Direkt im Anschluss danach, am Sonntag, dem 17. Oktober um 16 Uhr, findet die Abschlussausstellung im Schloß Balmoral statt. Die Ausstellung wird eine Auswahl von Zeichnungen und Gemälden der Teilnehmer des Zeichnungs-und Malerei-Events zeigen, sowie ein großes Gemälde mit demselben Motiv, welches die Künstler in China bestellt haben. Auch ein Dokumentarvideo – es zeigt die Begegnungen mit der Bevölkerung – wird ausgestellt.
Nachdem eine erste Pressemitteilung zum Projekt am Donnerstag, dem 16. September 2010 kommuniziert wurde, sind kritische Äußerungen zum Projekt eingetroffen. Manche distanzieren sich vom Projekt, weil sie der Meinung sind, es sei "un-ethisch", einen kleinwüchsigen Menschen in der Öffentlichkeit auftreten zu lassen und aus Angst, das Projekt könne missverstanden werden, besonders durch Kinder sowie alte Menschen. Es scheint, als ob die „Provokation aus der Provinz“ am besten schon vorab aufgelöst werden soll. Doch eine künstlerische Arbeit abzulehnen, weil ein kleinwüchsiger Schauspieler in die Rolle eines Gartenzwerges schlüpft – was sein alltäglicher Brotverdienst ist – finde ich problematisch. In der Filmgeschichte – um nicht nur von „Bildender Kunst“ zu reden – gibt es zahlreiche Klassiker, in denen kleinwüchsige Menschen mit Humor oder mit Ironie dargestellt werden. Doch hat Kunst und Ästhetik immer auch mit Ethik zu tun. Die „Provokation aus der Provinz“, die mich interessiert, liegt natürlich nicht darin, mich über einen kleinwüchsigen Menschen lustig zu machen, sondern darin, das gesellschaftliche Phänomen des Gartenzwergs künstlerisch und kritisch zu hinterfragen und durch die lebendige Verkörperung des Gartenzwergs im öffentlichen Raum zu experimentieren. In der Geschichte haben zwergwüchsige Menschen eine bedeutende Rolle gehabt, waren sie an den Höfen die Einzigen, die dem Herrscher die Wahrheit ins Gesicht sagen durften und dies in voller Öffentlichkeit. Ihnen wurde also eine fast magische Kraft zuerkannt, Weisheit und politisches Geschick. Sie hatten daher Narrenfreiheit.
Der Mythos des Zwerges hat daher eine zwiespältige Stellung: da er die Macht hatte, mit spitzem Mundwerk die Machtmechanismen und Beziehungen zu entlarven, waren ihm sowohl Weisheit als auch gelegentlich Bosheit eigen. Man denke zum Beispiel an Alberich in Wagners Ring. Doch in den Märchen ist er meistens positiv besetzt, wie zum Beispiel die sieben Zwerge in Schneewittchen, wo sie als alt, weise und hilfsbereit auftreten. Das ist wohl das Bild, das zur Entwicklung der Gartenzwerge führte, eine Tradition, die bis heute besteht. Man schätzt, dass es heute allein in deutschen Gärten etwa 25 Millionen Gartenzwerge gibt. Traditionell wurden Gartenzwerge in Deutschland produziert – mittlerweile hat sich die Produktion zum Großteil nach Osteuropa verlagert, wo preiswerte Plagiate hergestellt werden. Ironischerweise stammt der kleinwüchsige Schauspieler unseres Projekts selbst aus Osteuropa.
Obwohl Gartenzwerge heute meistens mit ironisch-kritischem Unterton betrachtet werden und als Inbegriff des Spießbürgertums, als Zeichen des schlechten Geschmacks und als Kitsch angesehen werden, sind sie Bestandteil des Bildes, das Deutschland im Ausland von sich zeigt. Wie wäre es sonst zu erklären, dass Gartenzwerge einen Ehrenplatz im Deutschen Pavillon der Expo 2010 in Shanghai haben und Chinesen sich mit Vorliebe mit ihnen fotografieren lassen!
Eine grundsätzlich geänderte Einstellung zu Kitsch und Camp, in den 1960er Jahren bereits von der Kritikerin Susan Sontag festgestellt, sowie aktuelle Versionen von Gartenzwergen haben dessen Ikonographie teilweise gewandelt. Nach 1990 erlebte der Gartenzwerg eine „Wiedergeburt“ durch die Schaffung provokativer Modelle. Nun wurden beispielsweise Zwerge mit Messer im Rücken, als Exhibitionisten, die einen Vogel zeigen, Zwerge mit Motorsäge, mit erhobenem „Stinkefinger“ oder auch mit den Gesichtern berühmter Politiker wie Schröder, Kohl, Gysi, Blüm, Lafontaine usw. modelliert und hergestellt. Der Gartenzwerg hat also eine lange Geschichte als „Provokateur“. Was mich an dem Projekt besonders interessiert ist, mit einem kleinwüchsigen Schauspieler die Tradition, Skulpturen von Zwergen in Gärten aufzustellen, kritisch zu hinterfragen und dabei die Bewohner von Bad Ems und Umgebung in die Debatte mit einzubeziehen. Es geht mir auch darum, eine andere Art von öffentlichem Kunstwerk zu realisieren: Der Schauspieler wird als „lebendige Skulptur“ mit der Bevölkerung von Bad Ems in Kontakt treten – und wenn ich Skulptur sage, meine ich, dass er die Rolle einer lebenden Skulptur übernimmt. Ein Begriff, der in der Gegenwartskunst 1970 vom Künstlerduo Gilbert & George (England, Jahrgang 1943 und 1942) geprägt wurde, als sie als The Singing Sculpture in einer Galerie auftraten. Viele Kunstwerke im öffentlichen Raum stoßen auf Ablehnung von Politikern, Bewohnern, selbst von Künstlern und Kunstkritikern. Die Begründung der Ablehnung variiert, aber Fakt ist: der öffentlicher Raum ist ein schwieriger Raum für die Gegenwartskunst. Das „Publikum“ im öffentlichen Raum ist meistens nicht auf Gegenwartskunst vorbereitet oder wünscht sich vielleicht gar nicht, damit konfrontiert zu werden. Mein Projekt ist insofern noch provokanter, da wir auch direkt auf die Menschen zugehen werden. Wie das Projekt angenommen wird, ist auch für uns eine Überraschung. Ob Ablehnung oder hoffentlich auch Neugier, humorvolle Begegnung und Nachdenklichkeit bleibt offen. Das Nachdenken verstehe ich nicht nur als kognitiven Prozess, sondern auch als (poetische) Erinnerung einer Begegnung mit dem lebendigen Gartenzwerg. Kritiker meines Projektes sorgen sich im Vorfeld, dass manche Bewohner, insbesondere Kinder, das Projekt missverstehen könnten. Dazu habe ich Lust zu sagen, dass Kunst immer missverstanden wird und dass all die Missverständnisse letztendlich wiederum zum Verständnis der Kunst beitragen. Ich verstehe die Besorgnis, Kinder wissen vielleicht nichts von Gartenzwergen und könnten denken, es sei ein Spaß, sich lustig über einen kleinwüchsigen Menschen zu machen. Durch übertriebene Besorgnis für das, was Kinder verstehen können oder nicht, tun wir den meisten Kindern Unrecht. Ich wage dies zu behaupten, weil ich eine 14-monatige Tochter habe. Sie versteht zwar nicht WAS man sagt, aber sie versteht WIE man es sagt. Sie kann sehr gut Ernst und Humor, Wut und Freude, Stress und Gelassenheit voneinander unterscheiden, ohne ein Wort zu verstehen. Das beeindruckt mich und deshalb denke ich, dass Kinder das Projekt sehr wohl durch unsere Attitüde mit dem lebendigen Gartenzwerg verstehen können. Wir informieren die Bewohner zum Beispiel durch Flyer und bieten an, den lebendigen Gartenzwerg in den eigenen Garten einzuladen und ihn dort zu fotografieren oder fotografieren zu lassen. Durch die Informationen hoffe ich, ganz unterschiedliche Personen zu erreichen. Wenn nicht, werden wir Sie auf der Stelle informieren und improvisieren müssen, das finde ich interessant. Eine künstlerische Arbeit, die kein Risiko des Scheiterns und keine Überraschung in sich trägt, ist meistens nur schön langweilig.
Kristofer Paetau
(Bildender Künstler, finnischer Staatsbürger, Jahrgang 1972)
Foto: © Kristofer Paetau und Ondrej Brody (2010)


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